Wood Buffalo: Wildnis mit persönlicher Note

Vielleicht sitzt Helen Panter gerade am Schreibtisch und beantwortet die Fragen von Gästen, die kürzlich mit ihr im Wood Buffalo National Park unterwegs waren. Vielleicht steckt ihre Nase aber auch tief in einem Buch, weil sie für eine bevorstehende Tour recherchiert. Denn für Panter gehört zu einer gelungenen Führung weit mehr, als Daten, Fakten und Jahreszahlen herunterzubeten. Sie möchte die Menschen kennenlernen, die zu ihr in den Park kommen, herausfinden, was sie interessiert, und ihnen ein Erlebnis bescheren, das in Erinnerung bleibt. Wer mit ihr spricht, merkt schnell, wie sehr sie für ihre Arbeit brennt.
Seit 2009 arbeitet Panter überwiegend für Parks Canada, führt Besucher durch Kanadas größten Nationalpark und entwickelt Bildungsprogramme. Mit jeder Tour wächst dabei ihr Wissen über die Geschichte, Ökologie, Geologie und kulturelle Bedeutung von Wood Buffalo. Denn Panter lernt ständig dazu, tauscht sich mit Kollegen aus und geht den Fragen ihrer Gäste auch dann noch nach, wenn die eigentliche Tour längst vorbei ist.
Wer mit ihr zu den surreal anmutenden Salt Plains oder dem gewaltigen Findling am Grosbeak Lake aufbricht, sollte daher keine Führung nach Schema F erwarten. „Es ist gut, die Fakten, die Zahlen und die Daten zu kennen. Aber darum allein geht es nicht. Es geht um die Menschen“, sagt sie. „Auch wenn wir nur ein oder zwei Stunden miteinander verbringen, möchte ich wissen, wer sie sind und was sie nach Wood Buffalo führt.“
Schon zu Beginn fragt Panter ihre Gäste, was sie erfahren und erleben möchten, und passt ihre Tour entsprechend an. Schließlich gibt es für sie kaum etwas Schlimmeres als Besucher, die sich langweilen und innerlich längst verabschiedet haben. „Man sieht ihnen dann richtig an: ‚Oh mein Gott, können wir endlich fertig werden?‘“, sagt sie lachend.
Sind viele Kinder dabei, bleibt die Gruppe in Bewegung und das Energielevel hoch. Und manchmal sind es gerade die etwas ungewöhnlicheren Themen, die den Nachwuchs begeistern. Irgendwann stellte Panter nämlich fest, dass Kinder, warum auch immer, tierische Hinterlassenschaften ausgesprochen spannend finden. Also entwickelte sie kurzerhand eine Tour, bei der genau diese eine größere Rolle spielen. „Und die Kinder waren begeistert“, erzählt sie. „Auch die Eltern waren superglücklich, weil die Kinder gut unterhalten waren. Sie haben etwas gelernt und gleichzeitig haben auch die Eltern noch etwas dazugelernt.“

Ohnehin endet das Wood-Buffalo-Erlebnis für Panter nicht unbedingt mit dem Abschied am Ende einer Tour. Viele Gäste bleiben mit ihr in Kontakt, schicken Dankes-E-Mails oder Urlaubsfotos. Andere geben ihre Kontaktdaten an Freunde weiter, die durch die Reisegeschichten neugierig geworden sind und nun ebenfalls den Nationalpark besuchen möchten.
So geschehen vor zwei Sommern, als Panter eine Gruppe älterer Gäste zu den Salt Plains führte. Mitten im borealen Wald erstreckt sich hier ein uralter Meeresboden: eine Landschaft, die man nicht nur anschauen, sondern am besten mit allen Sinnen erleben sollte. Als Panter plötzlich Schuhe und Socken auszog, erntete sie zunächst erstaunte Blicke. Doch für sie gab es keinen besseren Weg, diesen besonderen Ort kennenzulernen, als Schlamm, Lehm und Salz zwischen den nackten Zehen zu spüren. „Das ist wie eine natürliche Pediküre“, erklärte sie ihren Gästen.
Natürlich war sie vorbereitet und hatte Wasser und ein Handtuch im Rucksack, damit anschließend niemand mit schlammigen Füßen in die Wanderschuhe steigen musste. Mehr Überzeugungsarbeit brauchte es nicht. „Am Ende haben sie im Schlamm gespielt, bis zu den Knien! Sie haben gelacht, hatten eine großartige Zeit und haben sich so oft bei mir bedankt“, erzählt Panter.
Zwingen würde sie niemanden. Aber Panter möchte, dass ihre Gäste die kostbare Zeit in Wood Buffalo wirklich auskosten und später nichts bereuen. „Ich möchte nicht, dass ihr nach Hause fahrt und sagt: ‚Ach, hätte ich das doch gemacht‘“, erklärt sie. „Ihr seid jetzt hier. Also macht es!“
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Auch nach mehr als einem Jahrzehnt hat Panter selbst noch lange nicht genug von den großen Attraktionen des Parks. Die Salt Plains gehören dazu, denn hier lässt sich die Landschaft tatsächlich schmecken und auf der Haut fühlen. Und dann heißt es: Ohren auf! Mit etwas Glück erklingt der charakteristische „whoop whoop“-Ruf des Schreikranichs. Panter schätzt, dass etwa zehn Prozent ihrer Gäste einen der majestätischen Vögel zu Gesicht bekommen. Wenn es tatsächlich passiert, bietet sich die perfekte Gelegenheit, über den Naturschutz in Wood Buffalo zu erzählen. Schließlich schützt der Nationalpark das Brutgebiet der weltweit letzten wild lebenden Zugpopulation von Schreikranichen!

Nicht weniger außergewöhnlich präsentiert sich Grosbeak Lake. Zwischen üppigem Grün wirkt die karge Landschaft mit ihren verstreuten Felsbrocken fast wie von einem anderen Planeten. Die Findlinge liegen noch immer dort, wo sie vor Jahrtausenden von den zurückweichenden Gletschern hinterlassen wurden. Wenn Panter mit einer Gruppe hierherkommt, schweigt sie erst einmal. Die Landschaft soll für sich selbst sprechen.
Auch Lane Lake gehört zu den Orten, die sie ihren Gästen gerne zeigt. Der Weg dorthin ist allerdings nichts für einen kurzen Spaziergang: 6,5 Kilometer geht es durch ein boreales Waldparadies und vorbei an verschiedenen Sinkhole Lakes, anschließend dieselbe Strecke wieder zurück.
Ihr absoluter Lieblingsplatz liegt jedoch noch wesentlich tiefer im Park. Sweetgrass Station ist historisch und kulturell von großer Bedeutung und zugleich eines der am schwierigsten zu erreichenden Ziele in Wood Buffalo. Von Fort Smith fährt man zunächst rund zweieinhalb Stunden, anschließend geht es eine halbe Stunde per Boot bis Sweetgrass Landing und schließlich 14 Kilometer zu Fuß bis zur Cabin der Station. Ausgerechnet hier erlebte Panter einen ihrer unvergesslichsten Momente im Nationalpark.
„Ich mag es, wenn sich die Leute schon vor ihrer Anreise bei uns melden“, erzählt sie. „Manchmal sagen sie: ‚Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie störe, aber ich habe ein paar Fragen.‘ Und ich sage: ‚Nein, genau dafür sind wir doch da.‘ Stellt uns einfach Fragen, damit wir eure Reise genau auf das abstimmen können, was ihr sehen möchtet.“
2019 meldete sich ein Paar aus Edmonton bei Panter, das eine Reise in den Wood Buffalo National Park plante. Die beiden hatten „Buffalo Wolf“ des Wolfsbiologen Lu Carbyn gelesen. Das Buch dokumentiert unter anderem anhand von Beobachtungen in Sweetgrass das Zusammenspiel zwischen Bisons und Wölfen. Und genau das wollten die beiden nun mit eigenen Augen sehen. „Sie wollten wirklich, wirklich unbedingt Bisons und Wölfe zusammen sehen“, erzählt Panter.
Credit: Terry Parker Credit: Terry Parker
Die Anfrage weckte ihren Ehrgeiz. Sie begann, sich bei Kollegen nach möglichen Reisevarianten zu erkundigen und ein ganz besonderes Programm zusammenzustellen. „Ich bin keine Expertin. Ich habe keinen Doktortitel in Biologie, Geologie oder Ökologie, aber ich habe viele Kollegen, die einen haben“, erklärt sie. „Wenn ich bestimmte Antworten brauche, hole ich mir das Wissen von diesen Leuten.“
Nebenbei las sie die 350 Seiten des Buches, das die Begeisterung des Paares überhaupt erst ausgelöst hatte. Schließlich wollte sie genau verstehen, wovon ihre Gäste sprachen. „Wenn sie jetzt also von dem Wolf erzählen, der dort drüben an den Kadaver gegangen ist, wüsste ich, welcher gemeint ist.“
Nach und nach entstand ein maßgeschneiderter Reiseplan: „ein fünftägiges Rundum-sorglos-Programm mit allem Drum und Dran“. Gemeinsam mit einem Kollegen wollte Panter das Paar per Boot nach Sweetgrass Landing bringen und sich um Essen, Kochen, Ausrüstung und Vorräte kümmern. Kurz: um eigentlich alles. „Ich neige immer dazu, noch einen Schritt weiterzugehen, weil ich den Gästen ein Erlebnis bieten möchte, das zu einer Million Prozent stimmig ist“, sagt sie. „Wir machen keine halben Sachen: Entweder machen wir alles oder wir machen es gar nicht.“
Fast zeitgleich meldete sich wie durch Zufall ein weiteres Paar aus Hongkong mit demselben Interesse an Wölfen und Bisons. Panter fragte die Gäste aus Edmonton, ob sie etwas gegen Gesellschaft hätten. Im Gegenteil, sie waren begeistert. Einen Monat vor Reisebeginn mussten sie ihre Teilnahme allerdings absagen.
Also brach schließlich nur das Paar aus Hongkong mit Panter auf. Für die beiden war beinahe alles neu: die Bootsfahrt nach Sweetgrass Landing, ein Feuer in der Feuerstelle zu entzünden, Holz zu spalten oder Bannock an einem Stock über den Flammen zu backen.
„Diese Reise war eine der besten Erfahrungen, die ich in meinen elf Jahren in Wood Buffalo gemacht habe“, erzählt Panter. Es war viel Arbeit, doch die persönliche Belohnung war für sie ungleich größer.
Fünf Tage lang waren sie gemeinsam unterwegs. Sie wanderten, begegneten zahlreichen Bisons und Bären. Nur die erhofften Wölfe ließen sich nicht blicken. Doch das schmälerte die Begeisterung kaum. „Jeden Abend sagten die Gäste: ‚Das alles hast du nur für uns gemacht?‘“
Eines Tages strich der Wind durch das hohe Gras von Sweetgrass Station. Weite, Wildnis, niemand sonst in Sicht. Panter wandte sich an ihre Gäste. „Ich sagte zu ihnen: Vielleicht sind wir heute die Einzigen in diesem gesamten Park. Wer weiß?“
Für das Paar aus der Millionenmetropole Hongkong war allein dieser Gedanke kaum vorstellbar. Zu Hause, erzählten sie, würden sich um einen Picknicktisch schnell 40 oder 50 Menschen versammeln. Hier dagegen gab es nichts als Natur. „Hier sind wir mitten in der Wildnis und es ist niemand sonst in unserer Nähe. Kilometer um Kilometer, nur wir.“

Im hohen Norden ist weniger mehr! Während manche Nationalparks im Süden jährlich eine Million Besucher und mehr empfangen, werden die Gäste in den Northwest Territories nach Tausenden, manchmal sogar nur nach Hunderten gezählt. Und genau darin liegt ein ganz besonderer Luxus: mehr Aufmerksamkeit, mehr Zeit und wesentlich mehr Raum für ein persönliches Erlebnis.
Für Helen Panter ist diese Haltung längst Teil ihres Arbeitsalltags geworden. Wer heute vor ihr steht, bekommt ihre volle Aufmerksamkeit, unabhängig davon, wer gestern da war oder morgen kommen wird. „Ich denke nicht an die Besucher, die ich letzte Woche hatte, oder an die anderen Besucher, die nächste Woche kommen werden. Diese eine oder zwei Stunden meiner Zeit gehören ihnen - für sie ist das kostbare Zeit“, sagt sie.
„Vielleicht kommt ihr nie wieder hierher. Wie soll euer Erlebnis also aussehen?“
Weitere Informationen über die Northwest Territories gibt es unter www.spectacularnwt.de.




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